Leben ohne Internet

22 Jun 2014

Ich bin vollständig Ost-sozialisiert, ein echtes Kind der DDR. Ein schönes, fast vergessenes Land. Ich kann es nicht anders sagen. Ich wuchs in der DDR auf und hatte eine einfache und unbeschwerte Kindheit.

Im Laufe meiner 42 Jahre habe ich viele Umbrüche erlebt und mir einige Abhängigkeitserfahrungen erarbeitet, so sind zum Beispiel DDR-Stiel-Eis, West-Schokolade (Milka-Vollmilch- oder Vollmilch-Nuss-Schokolade), Autofahren, Soziale Netzwerke, Internet und IT-Spielereien jeglicher Couleur, auch Müllermilch Kakao und Lübser Pils zählten bis zu den höchst unerfreulichen Rezeptur-Veränderungen dazu, zeitweilig f6, später Peter Stuyvesant oder aktuell auch Hexamer Schlossbockelheimer Riesling 2012, ein trockener Sommerwein mit guten Mineraltönen und mit einem Aprikosen- und Blumen- Aroma, lebenswichtige Elemente meines Alltages geworden. Letzteren trinke ich zwar nur selten, aber er macht das Grill-Fleisch so unglaublich zart und gibt diesem immerhin noch eine schöne Note.

Als gelernter Wessi habe ich mich später an einen unkomplizierten Zugang zu Waren und Dienstleistungen aller Art gewöhnt und ich werde leicht fanatisch, wenn ich plötzlich nicht das bekommen kann, was ich mir wünsche. Bisher hat es aber nur ein Mangel geschafft mich fast in den Wahnsinn zu treiben. Ich will euch hier gerne von der krassen Zeit ohne Internet erzählen.

Nach zwölf Jahren Planwirtschaft und mangelndem Internetzugang bei der Bundeswehr aber immerhin schon mit einer Windows98-Kiste und Analogmodem in der Wohnung meiner damaligen “ShortStay”, aufgrund der Kasernierung lohnte es sich nicht mehr zu investieren, begann das Leben dann völlig neu. Ich beschloss allein nach Berlin zu gehen. Abitur, ein kleines Hinterhof-Apartment mit DSL-Anschluss veränderten mein Leben grundlegend. Mit einer Matratze auf dem Fußboden und einem Laptop war ich bereit mein Leben neu zu beginnen und loggte mich ins Internet ein, welches hier mit atemberaubender Geschwindigkeit lief. Ich gewöhnte mich schnell an das neue, freie, rasante, gesetzlose Leben in der Großstadt. Nicht vorstellbar, dass die Entwicklung woanders stehen geblieben war, während der letzten vier Jahre. Ich hatte das Abi in der Tasche und gelernt, das man mit dem Internet sogar Geld verdienen konnte. Meine zukünftige Frau wohnte schon bei mir und wir beschlossen uns ein Haus auf dem Land zu kaufen.

Im Sommer zogen wir in unser Haus (mit Grundstück) in den “Nahen Osten”. Hier in Sachsen-Anhalt, war es zu dieser Zeit möglich ein Haus für den Gegenwert eines Satzes guter Alu-Felgen nebst Kleinwagen zu bekommen, also hatten wir zugeschlagen. Wir kamen in eine nette Gemeinschaft mit freundlichen Nachbarn. Die kleinen Häuser der Kleinstadt waren meist alt, aber gut gepflegt und die Straßen erfüllt vom Duft des Sommers. Nur die Millennium Edition, ein goldgelb glänzende BMW mit Alcantara-Leder, passte nicht so ganz in die Gegend. Wir waren ein internationales Paar und deshalb glaubte bald jeder im Ort und zu kennen. Wenn ich vom Bezahlen an der Tankstelle zurück zum Auto kam, und meine kleine Thai-Püppi auf dem Beifahrersitz lächeln sah, wusste ich, das ich ein Glückspilz war. Alles schien in Ordnung zu sein. Mit einem Doppelbett, einem gut gefüllten Mini-Kühlschrank und einem Macbook war ich noch einmal klar für einen Neustart meines Lebens und ich loggte mich wieder ins Internet ein. Doch mein neues Leben, das sollte sich bald herausstellen, hatte einige Startprobleme.

Am Anfang habe ich es nicht gleich bemerkt. Ein paar Neuigkeiten von Henryk M. Broder in der Welt, die nur langsam ihren Weg fanden, ein Selfie, das sich nicht auf Facebook laden lassen wollte. Ein paar dramatische Sekunden in denen ich nicht in Fefes Blogg gelangen konnte. Sekunden später war ich doch zurück in sicherer Umgebung. Meine Ausfälle setzten sich hier und da fort, aber nicht so sehr, das es über die Lebensqualität ging. Das geschah erst ein paar Wochen später.

Ich saß beim Frühstück und wollte mich einloggen, als es passierte. Ich hatte keinen Zugang zu meinem sozialen Leben. Panik stieg in mir auf als ich auf das tote Wifi-Symbol stierte - was sollte ich jetzt machen? Eine Mahlzeit ist ja nur halb so erfreulich, wenn man sie nicht mit den Anderen teilen kann, - im Internet. Ich hatte mal einen Artikel über “genussvolles Essen” gelesen und nahm die Herausforderung ohne Ablenkung zu essen an. Himmel, wurde ich sauer!

So ruhig ich konnte erklärte ich meiner Frau, das das Internet weg wäre. Sie zuckte mit den Schultern und nahm sich ein Buch. Das Provozierte mich so sehr, das ich mein Frühstück in den Mülleimer warf, mir die Turnschuhe anzog und zum Fluss rannte um dort einige große Steine in der Flut zu versenken. Das war auf jeden Fall genau das, wozu ich die meiste Lust hatte. Vorort zurück begann ich den Netzanbieter zu stressen, um eine Erstattung zu erhalten.

Jeder Tag war eine Lotterie. Ich wusste nie ob wir Netz hatten und in welcher Geschwindigkeit es gegebenenfalls arbeiten würde, das war das Erste was ich prüfte, wenn ich aufwachte. An Tagen ohne Zugang wuchsen Depressionen - an Tagen mit Zugang die Wut über die Geschwindigkeit. Ich stritt am Telefon mit dem Anbieter und hoffte auf Hilfe. Techniker kamen und gingen, doch niemand fand einen Fehler. Zum Schluss habe ich mich selbst vollständig verloren.

Nach mehrjährigem Kampf mit verschiedenen Anbietern und Versorgungsmodellen lag ich vor Frau und Freunden auf dem Küchenboden und schrie die schlimmsten Wörter die mir nur einfallen konnten. Ich fühlte mich von der Welt ausgeschlossen und niemand, auch nicht meine Frau, zeigte ein Anzeichen des Verständnisses. Das war der Zeitpunkt in dem es mir klar wurde. Ich konnte nicht in einer Gegend wohnen, wo niemand das Internet respektierte. Drei Monate später war ich raus.

Heute lebe ich glückselig und zufrieden im Süden Norwegens. Hier ist sicher vieles ganz anders aber es gibt in jedem Fall ein flächendeckendes und super schnelles Internet!

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