Buskrieg und Partizipation

24 Jan 2017

Die Lehrerpost im Wochenplan meiner Kinder finde, ist meist langweilig. Fast hätte ich die Sache mit dem Bus überlesen. Die Lehrerschaft informiert darüber, dass der Schülerrat anmahnt, im Bus mehr auf Ruhe zu achten. Besonders die Kleinen (1. - 3. Klasse) habe man als Übeltäter ausmachen können. Sie seien viel zu laut und nutzten zudem die mitgebrachten Mobiltelefone um damit Musik abzuspielen.

Der Schülerrat besteht meist aus älteren Schülern der Klassen 5 - 7.

Zu meiner Zeit war es oft genau anders herum. Die Großen verstießen gegen die Regeln, machten Blödsinn, Lärm, Dreck, die Älteren schikanierten die Jüngeren. Doch diese wendeten sich nur selten bis garnicht an die schulischen oder elterlichen Ordnungsmächte, es erschien ihnen nicht als angemessen die Kameraden trotz Übergriffigkeit in die Pfanne zu hauen.

Die Schule informierte nun, das man den hilflosen Mittelstuflern durch Kritikgespräche beispringen werde und sie forderten uns auf es ihnen gleich zu tun um unsere Sprösslinge zur Ordnung zu rufen.

Das Verhalten der Mittelstufler erschien zunächst völlig unverständlich, war der Schüler-Sovjet auf Suggestionsfragen der Lehrer angesprungen? Diese hatten sich beim Busunternehmen zunächst über Busverspätungen von bis zu 50 Minuten beklagt und zur Antwort bekommen, dass die Verspätungen weniger mit idiotischer Rotenplanung, sondern vielmehr mit aufsässigen Schülern zu tun habe und das offenbar geglaubt, obwohl bereits Drittklässler gut in der Lage gewesen wären ihren Lehrern durch Berechnung von Routenzeiten zur Seite zu springen und schon damit den Busunternehmern einiges voraus hätten, selbst Lehrer ohne besondere mathematische Fähigkeiten sollte aber klar sein, dass man den Sommerfahrplan nicht im Winter auf Eis und Schnee durchhalten kann, doch es ging hier um Denunziation.

Die Lehrer ließen sich vom Schülerrat, der eine besonders perfide Art der Unterdrückung und der Gewaltausübung gegenüber den Kleineren gefunden hatte, einspannen. Eine derart zerstörerische Machtoption hat man sonst nur in Kriegen!

Etwas derart groteskes zu unterstützen, kam mir nicht in den Sinn und so sprach ich mit meinen Kindern über Denunziation und Schülerräte als Partizipationsmacht und Gewalt.

Schüler, ob groß oder klein, leben in ständiger Unsicherheit. Man weiss nie was kommt, die Anforderungen steigen stetig und jeder will etwas anderes von einem. Für Schüler ist Unsicherheit Lebensform. In der Unsicherheit ist man sicher, wenn man die Unsicherheit umleitet, auf den Nächsten, am besten auf den Kleineren, und Schwächeren, wenn man besonders feige ist. Das schafft zwar keine dauerhafte Sicherheit, vermindert oder bereinigt aber das aktuelle Risiko bis zur nächsten von Lehrern geführten Schülerratssitzung. Das nächste Mal kommt bestimmt, der Denunziant wird positiv verstärkt, wird zum Junkie; das ist nicht schön, aber in anbetracht der systemischen Übermacht lebbar. Wenn sich das Rad dreht, muss man laufen, ob es einem gefällt oder nicht und vielleicht kann man es ja durch eigenes Zutun noch ein wenig beschleunigen. Die Schulbusdenunziation ist eine Möglichkeit, Partizipation gewalttätig werden zu lassen, ohne das (schuleigene) Gewaltmonopol in Frage zu stellen.

Liebe Lehrer! Denunziation ist die vertrauensstabilisierende Praxis par excellence für Gesellschaften mit terroristisch agierendem Gewaltmonopol!

In bezug auf die Schulbusterroristen und ich meine hier nicht die kleinen mit ihren Mobiltelefonen, ist nicht zu unterschätzen, welche Befriedigung es dem sonst an sich ohnmächtigen Mittelstufler im Schülerrat verleihen kann, derart negative Macht ausüben zu können. Sie können für sich nichts verbessern, wenn sie denunzieren, aber sie können den Kleinen zumindes den Tag (nicht nur die Busfahrt) versauen. Wenn wir keinen Spaß haben, soll es den Kleinen auch nicht gut gehen.

Der Schüler in unserer Gesellschaft ist viel machtloser als andere, z.B. Lehrer oder Eltern, aber er kann erheblich in das Leben anderer eingreifen, oder weitergedacht sogar Leben zerstören, wenn er denunziert. Ein perfider, subtiler Krieg gegen die Kleinen, der nicht unterstützt werden darf. Wenn Denunzuationsbereitschaft positiv verstärkt wird, ist hier die Schulgemeinschaft oder im Ganzen, die Gesellschaft in Gefahr. Und welcher Schüler, ob groß oder klein, nimmt Lehrer und Eltern noch ernst, wenn sie sich so leicht vor den Kriegskarren der Mittelstuflergewalt spannen lassen?

Für Denunziation gibt es viele Gründe. Die einen wollen sich einschmeicheln, Karriere machen, die anderen wollen sich schützen, wieder andere glauben an ein System oder sie sind einfach nur böse.

Soll der Schülerrat wirklich solch eine negative Macht bekommen, die Lizenz zur Zerstörung seiner Mit- und Nebenschüler? Darüber zu entscheiden liegt bei den Lehrern, sie allein haben das Gewaltmonopol und damit die Möglichkeit diesen Unfug zu beenden, da die hier auftretende Denunziation in Form der Partizipationsmacht: Schülerrat schulisch organisiert erst zur zerstörerischen Gewalt gegen die Unterklässler werden konnte.

Liebe Mittelstufler! Wer denunziert, hat nicht mehr Gestaltungsspielraum, er kann auch nicht wirklich mitbestimmen, aber, zugegeben, er kann andere, kleinere, schwächere, zugrunde richten. Das kann man natürlich tun, aber dann ist man halt ein Arschloch!

Ich sage meinen Kindern Denunziation ist böse, sie ist das gewaltsame beseitigen des Nächsten.

Und ich finde fröhliche Busfahrten mit Musik schöner als betretenes, alles lähmendes Schweigen. Übrigens hat auch der Busfahrer die Möglichkeit das Radio so in den Fahrgastraum zu schalten, dass eine angenehme Atmosphäre geschaffen werden kann. Fragt einfach mal nach!

War der Beitrag interessant? Send money and make me happy. BTC: 3JYSrKGFrUL9FVGAyjvojh9oNEZAkeCnD7 or paypal.me/andisseite